Alternative: Rückenprotektoren
Während Sicherheitswesten nach EN13158 bzw. BETA Norm den gesamten Oberkörper schützen bieten "Rückenprotektoren" - wie der Name schon sagt - nur Schutz für den Rücken bzw. die Wirbelsäule. Dafür sind Protektoren leichter, luftiger und schränken die Bewegungsfreiheit kaum ein.
Vorteile von Rückenprotektoren gegenüber Sicherheitswesten:
- Niedriges Gewicht, geringes Packvolumen, wenig Einschränkung der Bewegungsfreiheit, mehr Tragekomfort
(Wobei Tragekomfort und Bewegungsfreiheit natürlich sowohl bei einer Sicherheitsweste als auch beim Protektor vom konkreten Modell abhängt. So ganz verallgemeinern kann man das nicht.)
- Weniger Schwitzen - Wobei dies ebenfalls von der Bauform des Protektors abhängt.
Nachteile von Rückenprotektoren gegenüber Sicherheitswesten:
- Der eigentlich einzige aber entscheidende Nachteil: Die deutlich reduzierte Schutzfunktion!
Es ist eben "nur" die Wirbelsäule bzw. der Rücken geschützt, das mag manchen als "Minimalschutz" ausreichen, eine Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss. (Es gibt - siehe unten - auch Rückenprotektoren mit einer geringen Schutzfunktion im Brustbereich.)
- Für Freizeitreiter spielt es zwar keine Rolle, aber natürlich sind Rückenprotektoren kein zugelassener Schutz bei Geländespringprüfungen der FN. (Für Parcour-Springprüfungen - bei denen ja kein Rückenschutz vorgeschrieben ist - sind Protektoren jedoch ebenso wie normale Schutzwesten zulässig.)
Insgesamt gesehen eignen sich Rückenprotektoren aus meiner Sicht für Situationen mit geringem Risiko (Dressurreiten, Ausritt auf braven Pferden), in denen man eine vollwertige
Sicherheitsweste als übertrieben ansehen mag. Auch in Kombination mit einer Airbag-Schutzweste ist ein Rückenprotektor sicher sehr sinnvoll. Darüber hinaus bieten sich Protektoren zum Beispiel als Alternative für einen Reiturlaub an, wenn Gepäckbeschränkungen die Mitnahme einer Sicherheitsweste unmöglich machen.
In jedem Fall gilt natürlich:
Besser nur einen Protektor als gar keinen Rückenschutz!
Prüfnormen bei Protektoren
(Rücken-)Protektoren sind fast immer nach EN1621-2 geprüft. Dabei handelt es sich eigentlich um eine Prüfnorm aus dem Motorsportbereich. Da es hier aber im Wesentlichen auf die Dämpfung im Wirbelsäulen-Bereich ankommt,
ist gegen eine Verwendung dieser Norm im Reitsportsektor nichts einzuwenden, zumal es ja keine entsprechende Norm für Reitsport-Protektoren gibt.
Ähnlich wie bei der EN-Norm für Sicherheitswesten gibt es bei EN1621-2 verschiedene Sicherheitsstufen, je nach Grad der Dämpfung bzw. Restschlagkraft. Im Gegensatz zu Sicherheitswesten hat diese Norm aber nur
zwei Stufen: "Level I" und "Level II" - Aus Sicherheitsgründen sollten nur Protektoren gemäß EN1621-2 Level II gewählt werden!
Bitte beachten Sie: "Level II" von EN1621-2 für Protektoren hat nichts mit "BETA II" bzw. "EN13257 Level II" für Reitsport-Sicherheitswesten zu tun! Diese beiden Normen sind nicht vergleichbar.
Kauf und Benutzung von Rückenprotektoren
Die Auswahl an unterschiedlichen Bauformen und verschiedenen Modellen ist sehr groß. Leider bin ich der Meinung, dass viele der angebotenen Protektoren aufgrund von Konstruktion und Bauform nicht zu empfehlen sind. Demnächst werde ich hie einige aus meiner Sicht empfehlenswerte Protektoren vorstellen. Generell sollte beim Kauf auf nachfolgend genannte Punkte geachtet werden.
- Der Protektor sollte sich weder nach oben oder unten noch seitlich nennenswert verschieben lassen. Diese Anforderung können einige Protektoren konstruktionsbedingt nicht erfüllen. Notwendig ist entweder ein festes Gurtsystem (Schultergurte, Bauchgurt) oder ein nicht-elastisches Vorderteil mit Weitenverstellung per Klett. (Letzteres ist in der Regel bei den Protektoren erfüllt, die auch einen Minimalschutz im Brustbereich bieten.)
- Bei manchen Protektoren ist der unterste (teilweise auch oberste Teil) des Protektors dünner als der Rest. Das ist durchaus sinnvoll, wenn es nur WENIGE ZENTIMETER betrifft. Es gibt allerdings Protektoren auf dem Markt, da sind nur 3/4 oder noch weniger der gesamten Länge in voller Dicke ausgeführt. Diese bieten somit insgesamt einen deutlich reduzierten Schutz.
- Bei einigen wenigen Protektoren lässt sich unten ein Teil des Rückenschutzes nach oben klappen, und zwar so, dass es dauerhaft in dieser Position bleibt. Dies ist meiner Meinung nach sehr gefährlich: Einerseits ist dann der untere Teil der Wirbelsäule ungeschützt und außerdem entsteht eine sehr dicke Kante, die ihrerseits Verletzungen hervorrufen kann.
Passform
Leider werden Rückenprotektoren oft in noch weniger verschiedenen Größen angeboten als Sicherheitswesten. Aber auch hier ist die richtige Größe und Passform wichtig für Tragekomfort und Sicherheit.
Am Wichtigsten ist hier ohne Zweifel die richtige Länge. Wie auch bei Sicherheitswesten gilt hier: Der Protektor sollte so lange wie möglich sein, ohne am Sattel anzustoßen. Leider geben die meisten Hersteller die tatsächliche Rückenlänge nicht an. Dabei wäre diese Angabe sehr hilfreich, da man die Rückenlänge relativ leicht ausmessen kann und man auch einen Vergleich mit vorhandenen / geliehenen Protektoren oder Sicherheitswesten machen könnte.
Darauf achten sollte man auch, dass der Protektor oben nicht zu lang ist und nicht (durch Hochrutschen) das Genick gefährdet. Exakte Angaben dazu sind aber meiner Meinung nach schwierig, daher verzichte ich hier lieber darauf.
In der Weite sind die meisten Protektoren zum Glück recht gut verstellbar, so dass es hier nicht so viele Probleme geben sollte. Entscheidend ist, dass der Protektor fest und eng anliegt ohne einzuschnüren. Der Protektor darf sich weder nach oben oder unten noch seitlich nennenswert verschieben lassen!
Rückenprotektoren sollen - mehr noch als Sicherheitswesten - möglichst körpernah getragen werden. Nur so ist sichergestellt, dass der Protektor bei einem Sturz wenig verrutscht. Das Tragen eines Protektors über einem Turnierjackett (wie oft zu sehen) ist daher sehr ungünstig.
Bauformen aktueller Rückenprotektoren
Man kann das derzeitige Angebot an Protektoren im Reitsporthandel grob in zwei Gruppen einteilen, die ich im folgenden vorstellen möchte.
Waldhausen Swing P06
I. Rückenprotektoren in Westenform
Hier handelt es sich quasi um Westen, meist vorne mit Reißverschluss. Diese Westen bestehen in der Regel aus dünnem elastischem Stoff, am Rücken ist der Protektor eingearbeitet. Durch das luftige Material und das Fehlen von Gurten sind diese Protektoren wohl am angenehmsten zu tragen. Sofern nicht zusätzliche Gurte vorhanden sind, wird bei diesen Westen der Rückenschutz jedoch nicht ausreichend fixiert und hat zu viel Bewegungsspielraum, so dass er bei einem Sturz verrutschen kann. Aus diesem Grund kann ich diese Form von Protektoren leider NICHT empfehlen.
Waldhausen Swing P07
II. Rückenprotektoren mit zusätzlichem Schutz im Brustbereich
Diese Protektoren haben oft schon viel Ähnlichkeit mit einer richtigen Sicherheitsweste. Während der Rücken (mehr oder weniger breit) mit einem dicken Protektor gut geschützt ist, sind im Brustbereich nur recht dünne Schutzpolster vorhanden. Deren Schutzwirkung kann ich schwer abschätzen, sicherlich besser als gar kein Schutz, aber überwerten sollte man diesen wohl nicht. Im Schulterbereich und seitlich bestehen diese Protektoren oft nur aus Stoff und bieten somit dort gar keinen Schutz.
Es gibt diese Rückenprotektoren (ähnlich wie Sicherheitswesten) mit oder ohne Front-Reißverschluss, die Weitenverstellung erfolgt (ebenso wie bei Sicherheitswesten) mit Klett. Damit ist in der Regel eine gute Fixierung möglich.
Durch den erweiterten Schutzbereich sind diese Protektoren natürlich nicht mehr ganz so luftig bieten aber immer noch praktisch unbegrenzte Bewegungsfreiheit. Wegen des zusätzlichen Schutzes, vor allem aber wegen der guten Fixierung und des hohen Tragekomforts würde ich diese Protektor am meisten empfehlen.